Im Morgengrauen des 18. März machte sich eine kleine aber umso tollkühnere Gruppe von GlobalisierungskritikerInnen auf, den Asphalt der Zufahrtsstraße zum Wirtschaftsministerium unsicher zu machen. Eine für alle im Umkreis von 200 Metern unvergeßliche Aktion mit einer Walze und öffentlichen Dienstleistungen war geplant...
Kurz nach dem Krähen eines Hahnes, irgendwo aus dem Ministerium, möglicherweise aus dem Büro des Herrn Bundesministers, waren plötzlich stärker werdende Vibrationen der Umgebung zu spüren, gefolgt von dichtem Nebel und ohrenbeteubenden Brummen. Am Horizont des Stubenrings erschien ein unglaublich großes Ding, ein Truck, und auf seinem Hänger ein Flugzeug, nein eine Dampf-Walze. Wir sorgten uns erstmals um den weiteren Verlauf unserer Aktion. Die Walze streifte auf beiden Seiten die Bäume der Ring-Allee und viele von uns sahen eine vierspurige Straße zum ersten mal in eher positivem Licht.
Völlig außer Fassung sahen wir mit halb geöffneten Mäulern und daraus tropfenden Speichel dem mittlerweile angekommenen Fahrer zu, wie er aus einer Öffnung des Trucks hervortrat und wieder durch eine Tür, die er mit einer sicher drei Meter hohen Leiter erreichte, in die Walze verschwand. Die unheimliche Stille wurde durch zwei- oder dreimalige exoplosionsartigen Start-Zündungen unterbrochen, gefolgt von einem Dröhnen, welches die Fenster vom Wirtschaftsministerium beinahe zerspringen ließ. Der Fahrer manövrierte das Ungetüm nach anfänglichen Zweifeln genau vor das Wirtschaftsministerium, dessen Fassade nunmehr von einem schwaren Schatten verdeckt war.
Leo, unser tapferer Held, geübt in der Bändigung von Baumaschinen, machte sich daran, Herr über die Walze zu werden. Weit oben - vielleicht noch unter der Dachrinne des Ministeriums - war Leo, als Martin Bartenstein verkleidet und aus dem Cockpit winkend, mit konzentriertem Auge zu sehen.
Wir scherzten gerade, wir hätten besser eine ganze Straßenbahn als Symbol für öffentlichen Verkehr genommen als bloß ein neben der Walze schwer wahrnehmbares Haltestellenschild, als sich plötzlich die Türen des Wirtschaftsministeriums öffneten und wir eine Kompanie des Bundesheeres, nein eine Anti-Terror-Einheit der Vega, nein eine uns zahlenmäßig weitaus überlegene Truppe von PolizeibeamtInnen erbost mit erhobenen Schlagstöckenund mit ihrer STG77 am Schwerpunkt haltend auf uns zustürmen sahen. Der nach wie vor drückende Nebel ließ keine genaue Einschätzung zu. Voller Panik überlegten wir, uns von den Socken zu machen und mit ruhigem Gewissen Leo mit seiner recht ansprechenden Waffe zurückzulassen oder uns doch der Polizei argumentativ entgegen zustellen.
Diese Entscheidung stellte sich uns schlußendlich nicht mehr, da wir auf Grund einiger Lichtungen im Nebel bemerken durften, dass die Polizei nur mit ihren Mützen und einigen Mappen in der Hand bewaffnet war und uns wortkräfig anzufeuern versuchte. Diese ungewöhnlich kollegiale Partnerschaft ging sogar soweit, dass wir heißen Tee und Tipps zum Umgang mit der Riesenwalze sowie zur praktischen Durchführung der Aktion entgegen nehmen durften. Sorgfälltig legten wir unsere Symbole - eine kleine Schultasche mit hantlichen Stiften, eine Krücke, ein Straßenbahnschild, einen Postkasten und einen Wasserhahn - auf den Boden am Fuße des eigentlichen Walzenrades. Schnell ein paar Fotos und schon waren die öffentlichen Dienstleistungen bereit, in den Asphalt gestampft zu werden.
Aussicherer Entfernung - manche schützten sich in den Gräben des Donaukanals - gaben wir Leo das Zeichen, die Walze anzuwerfen. War die Maschine im normalen Fahrmodus schon ohrenbeteubend, so war sie im Walzenmodus unbeschreiblich. Trotzdem ein Versuch: Die Sonneverdunkelte und die aufwallende Staubwolke machte es schwierig zu atmen. Es war nicht auszumachen, ob die sich im Laufe der Zeit angesammelten PassantInnen zu tanzen begannen, oder ob sie durch das Beben der Erde hin und her gerissen wurden. Der Donaukanal mutierte vom ruhigen Bächlein zum reißenden Fluß, da die Erdvibrationen die Geschwindigkeit des Wassers potenzierten. Häuser, Bäume, Straßen bebten. Ein Hahn flog aus einem der Fenster im Wirtschaftsministerium in ein benachbartes Gebäude und brachte sich in Sicherheit. Ein Lärm durchdrang die Gassen, dessen Schallwellen den frühlingshaften Morgenwind erblassen ließen.
Nach einer halbstündigen Minute war der Spuck vorbei. Nachdem sich der Staub legte und die Sonne wieder erhellte, konnte resümiert werden: Nichts kam zu Schaden ausser ein paar öffentlichen Dienstleistungen, die ungünstig positioniert waren und sich nun super als Alu bzw. Plastikfolien eignen.
Wir diskutierten noch, ob wir die Art und Weise, wie die EU mit öffentlichen Dienstleistungen umgeht, ansprechend darzustellen vermocht hatten und kamen auf dem Weg ins warme Cafe zum Schluss, dass wir wohl viele im Glauben bestärkt hatten, dass "die EU-Richtlinie nicht so schlimm sein könne, weil sonst würden die ganzen Globalisierungskritiker ja versuchen, darauf aufmerksam zumachen."
Leider schaften wir es nicht in die Zeitungen. Dies liegt allerdings nicht an der Idee selbst, sondern an der der Walze entsprechenden Größe der Fotos (A1).
Diese gibts auf > www.attac.at/1538.html zu bewundern!


